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Besser zwei Stöcke als ein Rollator – und so oft wie möglich raus gehen!

Mommert-Jauch-aktuell
Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: Sportwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des ISR-Instituts für Sport und Rehabilitation

 

Wenn ältere Menschen hinfallen, ist das besonders gefährlich: Statistisch betrachtet führt jeder zweite Sturz zu einem Knochenbruch und auf einen Sturz folgt besonders häufig die Verlegung in ein Pflegeheim. Umso wichtiger ist es, vorzubeugen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wird daher ab diesem Jahr das Projekt „Vitales Alter – Pro Balance – gegen den Sturz“ angeboten, organisiert vom Gesundheitsamt und der Schwenninger Krankenkasse. Maßgeblich daran beteiligt ist Dr. phil. Petra Mommert-Jauch, Sportwissenschaftlerin und Geschäftsführerin des ISR-Instituts für Sport und Rehabilitation in Bad Dürrheim. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie ältere Menschen wieder mobiler werden können – und welche Rolle dabei der Rollator spielt.

Gesundheitsnetzwerk: Frau Dr. Mommert-Jauch, was sind die wesentlichen Risikofaktoren für einen Sturz bei älteren Menschen?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Das ist zum einen das Gehen an sich. Die Gehsicherheit ist etwas, was wir lange Zeit nicht als Risikofaktor wahrnehmen, weil wir denken, wir können ja gehen. Eine große Rolle spielt die sogenannte Schritt-Variabilität: Wenn der Schritt des einen Beines nur um 1,7 Zentimeter länger oder kürzer ist als der Schritt des anderen Beines, haben Sie ein 50 Prozent höheres Risiko, zu stürzen. Der zweite Risikofaktor ist die Kraft, im Sinne des sich Auffangens. Wir nennen das Explosivkraft. Die sollten ältere Menschen besonders trainieren. Und der dritte Faktor ist natürlich das Gleichgewicht, das mit verschiedenen Gleichgewichtsübungen verbessert werden kann.“

Gesundheitsnetzwerk: Welchen Einfluss hat die Psyche?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Mit einem Sturz hängt auch immer Angst zusammen: Die Angst vor dem Stürzen. Und wenn man Angst vor dem Stürzen hat, bedeutet das ein höheres Risiko, tatsächlich hinzufallen. Deshalb ist es ganz wichtig, die sogenannte Selbstwirksamkeit zu stärken: Wir machen mit älteren Menschen Übungen, die ihnen zeigen, dass sie selbst etwas bewirken können und nicht nur abhängig von anderen sind. Das führt häufig zu Aha-Effekten im Sinne von, ‚Aha, das kann ich’, ‚Das kann ich wieder’ oder ‚Das ist ja gar nicht so schwer’. Erfolgserlebnisse und Wertschätzung stärken die Selbstwirksamkeit und damit die seelische Gesundheit insgesamt.“

Gesundheitsnetzwerk: Warum sind Stürze für ältere Menschen so gefährlich?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Es ist erwiesen, dass Menschen ab dem 75. Lebensjahr vermehrt stürzen. Mit den körperlichen Problemen gehen oft psychische Verschlechterungen einher. Der häufigste Grund für die Einweisung in ein Pflegeheim ist deshalb ein Sturz. Langfristig kann er sogar tödlich sein: Wenn die Menschen längere Zeit ans Bett gebunden sind, können Folgeerscheinungen wie Thrombose oder Lungenembolie auftreten, die zum Tode führen können. Für viele Menschen ist es aber schon schwerwiegend, wenn sie durch einen Sturz ihre Selbstständigkeit und soziale Kontakte verlieren. Das kann sich sehr negativ auf die Psyche auswirken.“

Gesundheitsnetzwerk: Wo setzen Sie mit dem Projekt „Vitales Alter – Pro Balance – gegen den Sturz“ an?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Studien zeigen, dass sich mit Präventionsprogrammen die Sturz-Wahrscheinlichkeit um 20 bis 30 Prozent – manchmal sogar bis zu 50 Prozent – reduzieren lässt. Im Rahmen des Projektes bieten wir Weiterbildungen für Multiplikatoren an: Pflegekräfte aus Kliniken und Pflegeheimen, ambulante Altenpfleger, Übungsleiter an Volkshochschulen, Alltagsbegleiterinnen, aber auch pflegende Familienangehörige. In einem zweitägigen Seminar werden sie befähigt, selbst Pro Balance-Kurse anzubieten. Die Idee ist, dass die älteren Menschen nicht weit fahren müssen, sondern in ihrer unmittelbaren Nähe ein Angebot zur Sturzprävention haben. Zusammen mit der Fachhochschule Furtwangen werden wir auswerten, wie wirksam das Projekt ist.“

Gesundheitsnetzwerk: Welche Vorteile bietet die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsnetzwerk Schwarzwald-Baar?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Ich hoffe, dass wir mit Vitales Alter – Pro Balance – gegen den Sturz“ ein Leuchtturmprojekt schaffen, das landesweit Einfluss nimmt und die Lebensqualität unserer Senioren verbessert. Im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis halten wir Vorträge zum Thema Sturzprävention und bieten dreistündige Kurzworkshops an. Im September sind wir zum Beispiel in Villingen, St. Georgen, Donaueschingen und Furtwangen. Wir möchten die Menschen motivieren, die Angebote der Multiplikatoren wirklich wahrzunehmen.“

Gesundheitsnetzwerk: Was kann man insgesamt tun, um im Alter wieder mobiler zu werden?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Erst vergangene Woche haben wir in einem Pflege- und Altenheim Multiplikatoren ausgebildet, die versuchen, den Menschen das Gehen wieder beizubringen und sie von den Rollatoren wegzubekommen. Die vermeintliche Sicherheit, die ein Rollator den Leuten vorgaukelt – sowohl den Pflegern als auch den zu Pflegenden – ist ein echtes Problem. Am Rollator zu gehen, heißt, Gangqualität zu verlieren. Und damit das Sturzrisiko zu erhöhen. Wenn man eine Unterstützung braucht, sollte man lieber mit zwei Stöcken gehen, dann bleibt zumindest die normale Rotation zwischen Becken- und Schultergürtel erhalten. Das wäre ein Riesenfortschritt. Es gab in dem Altenheim tatsächlich Beispiele, wo die Verwandtschaft erzählt hat, dass ihre 91-jährige Mutter oder der 80-jährige Vater es geschafft haben, vom Rollator wieder an die Stöcke zurückzukommen. Sie haben sich dadurch mobiler und selbstbewusster gefühlt. Das war eine Sensation! Wenn jemand im Rollstuhl sitzt, kann man versuchen, ihn wieder zum selbstständigen Stehen zu bringen. Die Idee ist: Vom Rollator weg zu den Stöcken und vom Rollstuhl nach oben in den Stand.“

Gesundheitsnetzwerk: Für viele ältere Menschen ist der Rollator unverzichtbar – jetzt raten Sie, die Menschen sollen besser mit Stöcken gehen?

Dr. phil. Petra Mommert-Jauch: „Wir können nicht von heute auf morgen den Rollator abschaffen. Die Umstellung sollte ganz langsam, Schritt für Schritt erfolgen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel für eine Übung, die wir den Multiplikatoren beibringen: Man steht im Kreis, jeder hinter seinem Rollator. Jetzt gehen sie seitlich von einem Rollator zum anderen – nur einen Schritt weg vom Rollator. Das ist ein Anfang. Aber wissen Sie, es beginnt ja schon bei uns als Verwandten: Wir kaufen als Weihnachtsgeschenk einen Rollator, weil wir es gut meinen und die Oma dann sicher in ihrer Wohnung laufen kann. Das ist genau der falsche Ansatz. Kaufen Sie lieber zwei Stöcke und einen kleinen Rucksack, in dem die Einkäufe transportiert werden können. Viele ältere Menschen haben Angst rauszugehen, weil sie sich dort unsicher fühlen. Aber die meisten Stürze passieren zu Hause, in den eigenen vier Wänden. Wenn Sie nicht rausgehen, haben Sie viel weniger Reize für das Gehirn und den Körper. Deshalb lautet mein Rat: Gehen Sie so oft wie möglich raus!“